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Kirchliches Leben 1914 bis 1918

 

Über das kirchliche Leben in der Gemeinde Weidenstetten während der Kriegsjahre 1914/18  

(Verfasser: Herr Pfarrer Dornfeld)

Der große Krieg hat auch im kirchlichen Leben seine Kreise gezogen und manches Gute neben manchem Unguten zu Tag gefördert. Zunächst hat er wohl gezeigt, daß doch im tiefsten Untergrund des Seelenlebens unseres Volkes noch ein Zug zu Gott hin vorhanden war. Daß bei vielen, die meinten, mit Kirche und Pfarrer und schließlich auch mit Gott und Religion längst fertig zu sein, unter der überraschend hereingebrochenen Not, von der sich zunächst niemand recht ein Bild machen konnte, längst verschüttete Quellen eines tiefen religiösen Bedürfnisses wieder aufbrachen und der unterbrochene Anschluß an Gott wieder gesucht wurde. Dies geschah, wenn auch manchmal vielleicht auf sehr äußerliche und darum dem Ernst der Zeit nicht standhaltende Weise. Jedenfalls gehört es mit zum Schönsten und Erhabensten, namentlich in der ersten Hochflut der durch den Krieg ausgelösten Begeisterung, daß Gottesglaube und Vaterlandsliebe bei vielen wieder einen Bund miteinander schlossen. Gebet und Gottes Wort wurden sowohl von den Ausmarschierenden als auch von den Daheimgebliebenen als starke Kräfte anerkannt, ohne die es in diesem furchtbaren Ringen nicht gehe.

Freilich, die sittliche und religiöse Erneuerung des deutschen Volkes, die viele beim Ausbruch des Krieges erhofften, hat derselbe nicht gebracht. Im Gegenteil, je länger der Krieg dauerte, umso mehr mußte eine allmähliche innere Zersetzung festgestellt werden, trotz viel Aufopferung und Heldenmut bei den Truppen im Feld wie bei mancher Kriegerfrau daheim. Woher dieser betrübende Rückschlag kam, der sich auch noch über den Krieg hinaus fortsetzte, kann im einzelnen nicht aufgezeigt werden. Äußere Gründe mögen hierfür die allzu lange Dauer und die Überforderung der Kraft des deutschen Volkes im Kampf gegen eine stets wachsende Übermacht sein, die auch auf die innere Stimmung lähmend einwirkte. Weite Kreise verstanden nicht den Ernst der Zeit. Die Lasten des Krieges waren oft sehr ungerecht verteilt. Auf der einen Seite ungeheure Opfer an Gut und Blut, auf der anderen Seite wieder eine maßlose Vergnügungssucht. Mehr und mehr wurde der Krieg nur als Geldangelegenheit der Reichen und Großen angesehen. Daher rührt der Name für den Krieg: der „große Schwindel“. Die Übelstände, die an Stelle der Vaterlandliebe und Begeisterung traten, erzeugten in vielen immer mehr Unzufriedenheit und Verbitterung. Ein Hauptgrund wird jedenfalls auch der sein, daß in vielen, die anfangs auch wieder Gott und die Kirche aufsuchten und die Hände zum Gebet falteten, doch die guten Regungen nicht tief genug Wurzel schlagen konnten. Gott war ihnen der Helfer in äußerer Not, nicht mehr. Darum geht es ihnen, wie es im Gleichnis heißt von dem auf das Felsige gesäten Samen: „zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab“. Das deutsche Volk hat im großen Ganzen die schwere Probe, die ihm von Gott durch den Weltkrieg auferlegt worden war, trotz eines sehr schönen und verheißungsvollen Anfangs nicht bestanden, weil die innere Kraft schon in den vorhergehenden Jahrzehnten äußerer Blüte geschwächt war. Aber auch da mag es heißen, daß Gottes Rat wunderbar ist und es auch durch Zusammenbruch und enttäuschte Hoffnungen noch einmal herrlich hinausführt.
Diese eben geschilderten Licht- und Schattenseiten des inneren Leben des deutschen Volkes während des Kriegs zeigten sich in kleinerem Ausmaß auch im kirchlich religiösen Leben der Gemeinde Weidenstetten.

Mit einem außerordentlich zahlreich besuchten Gottesdienst am 2. August 1914, der auf den Ernst der Zeit bestimmt war, begann in dieser Hinsicht die Einwirkung des Kriegs sich fühlbar zu machen. Um auch während der Woche Gelegenheit zu innerer Sammlung und Stärkung zu bieten, wurden wöchentliche Kriegsbetstunden gehalten, die gerne besucht wurden. Später war es wegen mangelnder Beleuchtung nicht mehr möglich. Langsam ging überhaupt der Besuch der Gottesdienste, der anfänglich stärker als sonst gewesen war, auf das gewöhnliche Maß zurück, wozu in den Sommermonaten auch die drängende landwirtschaftliche Arbeit und das Fehlen vieler männlicher Arbeitskräfte beigetragen haben mag. Es ist und bleibt bewunderungswürdig, wie so manche Söldnersfrau (Bauern waren wenig und auf kürzere Zeit eingerückt) mit Zähigkeit und ohne Hilfe ihres Mannes sich durch die ganze schwere Zeit mit ihrem landwirtschaftlichen Betrieb durchgeschlagen hat. Diese stillen Heldentaten, die mit keinem Kreuz ausgezeichnet wurden, sind neben den kriegerischen Heldentaten der Truppen im Feld nicht zu vergessen.

Für jeden Gefallenen wurde ein besonderer Trauergottesdienst in der Kirche (manchmal auch für mehrere zusammen) gehalten, gewöhnlich sonntagnachmittags, wobei der Kriegerverein den Altar schmücken ließ und der Gesangverein sich bei Mitgliedern mit einem Männerchor beteiligte. In diesen Trauergottesdiensten kam wohl der ganze blutige Ernst des Kriegs auch für die Daheimgebliebenen am unmittelbarsten zur Geltung, und wenn auch die häufige Wiederholung schließlich bei manchen eine abstumpfende Wirkung hervorbrachte, so war doch sicher rechte Ergriffenheit auch da und dort, nicht bloß bei den unmittelbaren Angehörigen der Gefallenen vorhanden. In die Trauerrede, die jeweils auf einen kurzen Bibelspruch sich aufbaute, wurden kurz die Lebensumstände der Gefallenen, besonders die kriegerischen Erlebnisse, soweit sie von den Angehörigen ermittelt werden konnten, verwoben. Zum Schluß drückten die Vereine durch ihre Vorstände und Senken der Fahnen ihre Teilnahme aus. Der Besuch dieser Gottesdienste war in der Regel recht gut, sie wurden von den Angehörigen als Ersatz dafür, daß der Betreffende nicht auf dem heiligen Friedhof beerdigt werden konnte, betrachtet. Nur ein im Seuchenlazarett Ulm verstorbener Landwehrmann, Matthäus Groß, fand auf dem heiligen Friedhof sein Grab.
An kirchlichen Trauungen kam in der ganzen Kriegszeit nur eine einzige vor, nachdem am 1. August 1914 noch ein militärisch Einberufener getraut worden war. Dagegen gab es einige standesamtliche Eheschließungen, bei denen die kirchliche Trauung nach dem Krieg nachgeholt wurde.

Pfarrer Dornfeld war bei Ausbruch des Krieges bis Ende November 1914 zugleich Stellvertreter für den erkrankten Ortspfarrer von Ettlenschieß. Von Dezember 1914 an übernahm er, zunächst in Gemeinschaft mit Pfarrer Köhl von Holzkirch, die Stellvertretung für den als Lazarettgeistlichen eingezogenen Pfarrer Huzel von Neenstetten: Pfarrer Dornfeld im allgemeinen den Werktagsdienst mit Unterricht, Kasualien und Kriegsbetstunden, Pfarrer Köhl den Sonntagsgottesdienst in Neenstetten. Von Oktober 1917 bis März 1919 besorgte Pfarrer Dornfeld die Stellvertretung in Neenstetten allein, dazwischen hinein war er ein Dreivierteljahr auch Stellvertreter in Sinabronn. Seinerzeit ganz ausgemustert wurde Pfarrer Dornfeld nach verschiedenen Musterungen schließlich für kriegsverwendungsfähig erklärt, aber als unabkömmlich nie eingezogen.

Der Krieg und seine Nöte gab natürlich häufig Gelegenheit zu Besuchen in den Häusern, teils um da und dort im äußeren Hilfe und Rat anzubieten, teils um zu versuchen, auf die bedrückten und verwundeten Gemüter tröstend und beruhigend einzuwirken. Immerhin war durch die fortwährende Stellvertretung die Zeit zur Seelsorge in der eigenen Gemeinde etwas eingeschränkt. Und es war wohl nicht Jedermann dafür ohne weiteres  zugänglich.

Ein Band der Zusammengehörigkeit mit den Ausmarschierten knüpfte das Gemeindeblatt mit seinen örtlichen Nachrichten aus der Heimat. Jeden Monat wurde es an unsere Soldaten, deren Anschrift ermittelt werden konnte, ins Feld oder in die Garnison gesandt. Auch die Soldatenausgabe des Christenboten „Durch Kampf zum Sieg“ wanderte zu denen ins Feld hinaus. Ob freilich diese Blätter, nach denen im Anfang ein starkes Verlangen war, auch später, als die Mißstimmung immer größer wurde, von den Empfängern auch oder nur halbwegs gelesen wurden, ist sehr zweifelhaft. Immerhin war ihre regelmäßige Zusendung, die auch Anlaß zu manchem Karten- und Briefwechsel gab, ein Zeichen des Gedenkens der Heimatkirche an die draußen. Am zeitraubenden Schreiben der Anschriften beteiligten sich eine Zeitlang einige ältere Schülerinnen freiwillig. Die Mittel hierfür wurden von der Kirchenpflege hauptsächlich aus den Opfern der Kriegsbetstunden und Trauergottesdienste aufgebracht, die 1914/18 zusammen etwa 500 M eintrugen. Dem Hinaussenden von Päckchen in größerem Maßstab mit allerlei essbarem Inhalt, wie er ein Soldatenherz erfreut, setzte die spätere Lebensmittelknappheit eine Grenze.

Der Ereignisse draußen wurde natürlich auch in den Kriegsbetstunden und Sonntagsgottesdiensten gedacht. Manche Predigt entstand oder wurde gehalten unter dem Eindruck einer sichtbaren Hilfe Gottes auf den Schlachtfeldern oder auch später unter dem Eindruck der immer stärker sich fühlbar machenden Bedrängnis von allen Seiten. Versammlungen des Kriegervereins ab und zu in einer Wirtschaft gaben Gelegenheit, einem Teil der Männerwelt einen kurzen Überblick über die augenblickliche Kriegslage zu verschaffen, wobei freilich der niederschmetternde Ausgang noch nicht vorausgesehen, sondern zu geduldigem und zähem Aushalten im Blick auf das bisher Erreichte aufgefordert wurde. Einem überhitzten „Hurrapatriotismus“ wurde aber jedenfalls weder auf der Kanzel noch sonst das Wort geredet, sondern stets auch die Notwendigkeit einer demütigen Beugung unter Gottes Willen gegenüber der Überschätzung menschlicher Kräfte betont. Auch ein kurzes Bild der Persönlichkeit und des Lebens des deutschen Volkshelden Hindenburg wurde bei einer derartigen Gelegenheit einmal gegeben.

Im Religionsunterricht mit dem 6. und 7. Schuljahr wurde neben gelegentlichen Hinweisen auf entsprechende Vorgänge und Persönlichkeiten, die im Mittelpunkt der Zeitereignisse standen, auch manches für die Zeit passende Lied eingeübt: Z. B. Gesangbuch Nr. 244 „Herr unser Gott“; 245 „Verzage nicht …“; 33 „Gott, der Vater …“; 503 Mitten wir im Leben sind“. Auch das Reformationsfest im Herbst 1917 gab Anlaß, an den Glaubenshelden alter Zeit das eigene gesunkene Gottvertrauen wieder aufzurichten. Das Friedensangebot der deutschen Regierung im Dezember 1916 wurde in einer gerade stattfindenden abendlichen Bibelstunde mit den anwesenden Frauen kurz besprochen und hat sichtlichen Eindruck gemacht, wenn auch die daran geknüpften Hoffnungen sich nicht erfüllten. So manches mal wurde bei Siegesnachrichten die Glocken geläutet und die schwarz-weiß-rote Fahne flatterte oben am Kirchturm. Bei der letzten großen Siegesnachricht im Frühjahr 1918, die endlich den eisernen Ring um Deutschland zu sprengen verhieß, wurde am 25. März ein kurzer Dankgottesdienstabends gehalten. Es war der letzte Sonnenblick in dem immer düster werdenden Gewölk, das sich nun über Deutschland zusammenzog. Ein ergreifender Gottesdienst war schließlich auch noch der Empfangsgottesdienst am 29. Dezember 1918 für die heimgekehrten Krieger mit mancherlei eingestreuten Gesängen und Bibelworten neben der Predigt. Auch die Kriegsgefangenen wurden in einem Sonntagsgottesdienst nach ihrer Heimkehr kurz begrüßt. Jeder erhielt zur Erinnerung an die durchgemachte schwere Zeit ein schönes Gesangbuch mit Bildern von R. Schäfer auf Kosten der Kirchenpflege. Eine ähnliche Gabe sämtlicher aus dem Feld heimgekehrten Gemeindeglieder war wohl geplant, konnte aber, wie so mancher andere schöne Gedanke, infolge der Teuerung und des Papiermangels nicht ausgeführt werden.

Natürlich sind auch allerlei abergläubische Meinungen während des Krieges aufgetaucht. So zu Anfang von einer himmlischen Erscheinung in den Wolken, die Deutschland Sieg verheißen habe und ähnliches. Je länger der Krieg dauerte, desto häufiger wurden die Versuche, das Ende zu bestimmen, wobei namentlich die Offenbarung mit ihren Rätselbildern und Zahlen eine Rolle spielten. So konnte man die Meinung hören, der Krieg gehe vor 7 Jahren nicht aus, u. a. um ein nüchternes Verständnis zu erzielen, wurde in Winterbibelstunden1917 und 1918 mit den Frauen die Offenbarung behandelt. Auch sonst mögen abergläubische Vorstellungen, z. B. über Wirkungen abgeschriebener Bibelworte zum Schutz eines Soldaten und dergleichen eine Rolle gespielt haben.

Die Opfertätigkeit wurde durch den Krieg geweckt und belebt und hat namentlich in der Anfangszeit sehr schöne Erträge an Naturalien und Geld geliefert. Eine möglichst genaue Zusammenstellung aller hierher gehörigen Gaben ist als Anhang zum Protokoll des Hilfsausschusses  gegeben. Mit der Zeit, je mehr allerlei Gerüchte vom Feld sich in der Heimat verbreiteten, wurde ein gewisses Mißtrauen gegen das Rote Kreuz genährt, es kämen die Gaben nicht an die richtigen Leute. Je mehr überhaupt Verdrossenheit und Verstimmung über allerlei Mißstände, die im Gefolge des Krieges auftraten, wuchsen, ließ auch die Opferfreudigkeit nach. Dies zeigte sich bei den allgemeinen Haussammlungen, an denen sich in der Regel Mitglieder des Hilfsausschusses als Sammler beteiligten.

Was der Krieg und die darauf folgenden Ereignisse alles an inneren Werten auch im kirchlichen Leben, an Glaube und guter alter Sitte zerstört haben, läßt sich jetzt im einzelnen noch nicht übersehen. „Besser hat er die Menschen nicht gemacht“: das ist wohl das allgemeine Urteil, das man hören kann. Worüber ein Tieferblickender, der von Anfang an der Redewendung von einer „Wiedergeburt des deutschen Volkes“ unter den Eindrücken der Kriegsnot mißtrauisch gegenüberstand, nicht sonderlich erstaunt ist. Denn nicht die äußeren Verhältnisse an sich machen den Menschen besser. Sie können nur ein Anlaß zu größerer Hingebung, zu größerer Hinwendung zu Gott oder auch zu größerer Abwendung von Gott werden. Und für die Mehrheit des deutschen Volkes geht, trotz allen Aufschwungs am Anfang, doch die Schlußwirkung der langen Drangsalzeit eher in letztere Richtung. Doch deshalb ist nicht Verzagtheit und Mutlosigkeit am Platz. Mit Gottes Hilfe kann auch im inneren Leben unseres Volkes nach hartem Winter ein neuer Frühling kommen. Wie auch manche gute Kraft, die jetzt nur zurückgedrängt ist, namentlich auch im ländlichen Teil unseres Volkes verborgen sein mag.
Möge auch die Gemeinde Weidenstetten Segen und Gewinn aus all den schweren Kriegserlebnissen ziehen.

Pfarrer Dornfeld

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Anhang: Detaillierte Übersicht über die während der Kriegsjahre 1914 – 1918 eingegangenen Spenden und Opfer.
Im Folgenden wird nur eine Zusammenfassung wiedergegeben:

  1. A) Naturalien 1914 – 1918
    Himbeeren: 12,60 Zentner
    Saft und Eingemachtes: 68 Flaschen und Gläser
    Honig:                                                  2 Gläser
    Eier (geschenkweise):                      2760 Stück
    Frischobst:                                          40 Zentner
    Dörrobst:                                             5,5 Zentner
    Geflügel:                                             49 Stück
    Kartoffeln:                                           103 Zentner
    Saatftrucht:                                         27,5 Zentner
    Bettstücke und dgl.:                          3,5 Zentner
    Handarbeiten                                     393 Paar Socken usw.
    Alte Wolle:                                          3 Zentner
    Altleinwand:                                       0,75 Zentner
    Alteisen und dgl.:                               23 Zentner
    Altpapier:                                             27 Zentner
  2. B) Geldsammlungen 1914 – 1918: 7956 Mark