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1916

Das Jahr 1916

Mit dem Wunsch: „Möge das neue Jahr den Frieden bringen!“ begrüßte man einander am Neujahrstage. Es brachte große Ereignisse, aber nicht den Frieden. Im April errangen die Türken bei Kut El Amara einen Sieg über die Engländer, im Mai die Österreicher einen Sieg über die Italiener. Vom 31. Mai auf 1. Juni errang unsere Flotte am Skagerrak einen Sieg über die englische Flotte. Von unserem Bundesgenossen Österreich vernahm man, daß der dem Ansturm der Russen in Galizien und der Bukowina nicht standzuhalten vermochte. Auch die englisch-französischen Angriffe an der Somme waren gegen uns erfolgreich. Da wollten manche bange werden. Am 25. August trat auch Rumänien gegen uns in den Krieg ein. Nun herrschte der tollste Jubel bei den Franzosen und Italienern, wie uns die Frontsoldaten erzählten. Daß in diesen heißen Kämpfen auch Söhne unseres Ortes fürs Vaterland starben, ist erklärlich.

Am 4. November wurde durch Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz-Joseph Polen zu einem Königreich erklärt.
Am 21. November starb Kaiser Franz-Joseph; sein Nachfolger wurde Kaiser Karl.

Wie jauchzten unsere Herzen auf, als Mackensen und Falkenhayn den abtrünnigen Rumänen, die auch einen Hohenzollern zum König haben, den Lohn in bar ausbezahlten durch die windschnelle Eroberung der Walachei. An diesen Kämpfen beteiligte sich auch ein hiesiger Bürgerssohn, Thomas Schleicher, Sohn des Gemeindepflegers. Am 6. Dezember, dem Geburtstag Mackensens, wurde Bukarest eingenommen.

Am 12. Dezember bot der deutsche Kaiser und die mit ihm verbündeten Fürsten (Österreich, Bulgarien, Türkei) den Feinden den Frieden an, der von denselben mit Hohn und Spott zurückgewiesen wurde. Nun hieß die Losung: Aushalten! Weiterkämpfen! Jetzt wurden immer neue Mannschaften zu den Waffen gerufen.  Musterungen wurden abgehalten. Man rief zuerst die 19-jährigen auf, später die 18-jährigen. Auch die Alten kamen dran. Es wurde Auslese gehalten bis zu den 46-jährigen hinauf. Mancher, der sich für völlig untauglich hielt, wurde kriegsverwendungsfähig gesprochen.

Ein Tag frohen Gedenkens bleibt für uns die Feier des Geburtstags unseres Königs am 25. Februar 1916. Am Freitag, den 6. Oktober 1916, feierte unser König
Wilhelm II sein 25-jähriges Regierungsjubiläum in einfacher und stiller Weise. Aus Anlaß dieses Festes wurde in der Schule eine Schulfeier gehalten.
Auf den 6. Oktober wurde Hauptlehrer Hanßum mit dem Charlottenkreuz ausgezeichnet; Postagent Mayer wurde mit der silbernen Verdienstmedaille dekoriert.

Der 1. Mai 1916 zählte nur 23 Stunden, der 1. Oktober dagegen 25 Stunden. Die Reichsregierung führte die „Sommerzeit“ ein, für welche sämtliche Uhren am 1. Mai nachts 12 Uhr um eine Stunde vorgerückt werden mußten. Für die Winterzeit kam am 1. Oktober nachts der Zeiger um eine Stunde zurück.
Die Witterung des Jahres war nicht gerade günstig. Es gab viele nasse Tage. Dies hatte zur Folge, daß nicht nur der Körneransatz des Getreides sondern auch das Wachstum der Kartoffeln litt. Und das war ein großer Ausfall. Viele Leute in der Stadt waren genötigt, statt Kartoffeln Kohlraben zu essen.

In der Lebensmittelversorgung kamen immer mehr Vorschriften heraus. Eine Verfügung regelte den Fleischverbrauch. Vom 2. Oktober ab hatte man eine Reichsfleischkarte (vorher gab’s nur eine württembergische Fleischkarte vom 1. Mai an). Auch die Abgabe von Zucker, Butter, Seife und Seifenpulver wurde seit Mai geregelt. Kaffee durfte vom Mai ab nur in geröstetem Zustand verkauft werden und nicht mehr als ½ Pfund auf einmal. Im Dezember wurde auch der Verkauf von Käse und Butter geregelt. Die Preise für all diese Dinge, was zu der „Leibes Nahrung und Notdurft“ gehört, stiegen 1916 immer höher, weil die Lebensmittel immer knapper wurden. Sparen, einschränken, einteilen und bescheiden werden, hieß nun die Losung im Haushalt.

Eine Menge von Gesellschaften: Reichsgetreide-, Reichsfutter-, Reichskartoffeln, Reichsfleisch-, Reichshering- und andere Stellen schossen wie Pilze in Berlin auf. Und wenn auch manchmal die Bauern unwillig wurden, sie schickten sich schließlich doch in das Unvermeidliche. Abgeliefert werden mußte die Fahrradbereifung, sämtliche Bierglasdeckel aus Zinn und die noch nicht abgelieferten Kupfergegenstände. Ärgerlicher war es für die Bauern, daß sie nicht mehr schlachten durften, wie sie wollten, sie brauchten hierzu eine Genehmigung durch den Kommunalverband.

Daß die Zeit eisern war, dafür war das eiserne Geld, welches in 5- und 10- P-Stücken von Januar an in Umlauf kam, ein sichtbares Zeichen.
Die Teuerung der Lebensmittel vernahm man auch aus dem Spiel der Kinder. So konnte man folgendes Verslein hören:
„Grüß Gott, Frau Maier! Was kosten die Eier?
Sie sind zu teuer. Ade Frau Maier!“

Mit dem Jahr 1916 hörte auch das „Zöpflebacken“ auf. Pfarrer und Lehrer konnten den Schülern am „Klopfetag“ kein „Zöpfle“ mehr verehren, was sowohl von den Spendern wie von den Kindern bedauert wird.

Die Schattenseiten bei der Jugend zeigen sich immer mehr. Die Knaben werden keck, sie erlauben sich mancherlei Freiheiten. Man merkte allenthalben, wo der Vater fehlte. Die Mutter hatte eben zu vielerlei zu besorgen, um der Erziehung genügend Aufmerksamkeit  zuwenden zu können. Man sah ein, daß das Süßlichgetue gegen Kinder, das fortwährende Liebepredigen und die ewige Rücksichtnahme gegen die Kinder nicht die richtige Art der Erziehung war, zumal in der so ernsten und eisernen Zeit des Krieges. Bei guten und durchaus artigen Kindern mag das die richtige Methode sein. Für widerhaarige, freche Bengel aber taugen solche Erziehungsgrundsätze nicht. Hier gehört Holz in die Erziehung!

Hervorzuheben und zu rühmen ist auch in diesem Jahre, daß wieder so manche hartschaffende Frau und zurückgebliebener Mann aufrecht und unverdrossen ihre Pflicht taten und ihr Tagewerk verrichteten wie der Held im Streit. Aber verschwiegen darf auch nicht werden, daß bei manchen Leuten sich Neid, Mißgunst, falsche Anschuldigungen sich breit machten. Bedauerlich war, daß manche Frau ihren Unmut ins Feld hinaus schrieb und dem Schützengrabenmann das ohnehin schwere Herz noch schwerer machte.
Oftmals hieß es bei den Frauen: Sie sollen jetzt aufhören; wir wollen unsere Männer jetzt daheim haben! Das war ja ganz verständlich. Es sehnte sich alles nach Frieden. Der Krieg dauerte halt schon viel zu lange.

Die Rufe zum Geben und Sammeln wurden in der Gemeinde gewissermaßen noch leidlich befolgt. Die Quellen fürs „Rote Kreuz“ floßen nicht mehr so reichlich und regelmäßig und gleichmäßig wie im 1. Kriegsjahr. Es wurden eben auch allerlei Gerüchte  über die Verteilung und Verwendung der Gaben fürs „Rote Kreuz“ ausgestreut.

Regen Sammeleifer entwickelten die Schüler unter Anleitung und Aufmunterung des Lehrers. Es wurde Zeitungs- und Altpapier zusammengetragen, Queckenwurzeln, Bucheckern und Zwetschgensteine gesammelt. Für die Ulmer Lazarette sammelten sie Himbeeren und 306 Stück Eier. Auch die Brennesseln kamen zu Ehren, weil man aus dem Bast der Stengel ein Gewebe herstellen konnte.

Für die 4. Kriegsanleihe wurde gezeichnet:
1. Bei Hauptlehrer Hanßum          27800 M und 7022 Schülerzeichnungen
2. Bei Postagent Mayer                  90815 M

Für die 5. Kriegsanleihe wurde gezeichnet:
1. Bei Hauptlehrer Hanßum          21800 M
2. Bei Postagent Mayer                  51055 M

Zu Beginn des Dezember wurde eine Volkszählung veranstaltet.
Nun war wieder Weihnachten – und wieder hörte man nichts vom Frieden auf Erden!

Gefallen sind im Jahr 1916:
Johannes Botzenhardt (26. Jan.), Christian Dauner (11. Juli),
Joh. Georg Rettinger (8. Aug.), Nikolaus Röscheisen (16. Aug.),
Jakob Uhl (17. Aug.), Jakob Büchele (vermißt), Thomas Kühnle (19. Aug.),
Andreas Wachter (30. Sept.), Joh. Georg Färber (19. Nov.)