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1915

Das Jahr 1915

… stieg empor. Was wird es uns bringen? Zunächst brachte es uns immer mehr Vorschriften, Bestandsanmeldungen und Beschlagnahmen. Daß die Vorräte an Getreide beschlagnahmt wurden, kam unsern Bauern sehr seltsam vor. Daß man ihnen auch noch vorschrieb, was sie täglich verbrauchen durften, das wollten sie nicht verstehen und erschien ihnen zu hart.
Anfangs März erschienen die Unfall- und Brotkarten, die heute noch (1920) ausgegeben werden. Die Ausgabe besorgt Gemeindepfleger Schleicher. Im Monat Mai wurden die Kartoffelvorräte aufgenommen. Weiter mußten die Gegenstände  aus Kupfer, Messing und Nickel im Lauf des Sommers abgeliefert werden. Vom November ab wurde die Abgabe an Fleisch und Fett eingeschränkt. In den Gasthöfen durfte montags und donnerstags kein gebratenes oder gebackenes Fleisch, am Samstag kein Schweinefleisch abgegeben werden. Auf Weihnachten war das Backen von Backwerk verboten, die knusprigen Wecken und Brezeln auf den Wirtstischen verschwanden und sind bis heute verschwunden (1920).

Die Preise sämtlicher Gegenstände gingen immer mehr in die Höhe. Die Regierung erließ zwar Höchstpreise, aber an diese hielten sich in den meisten Fällen weder Käufer noch Verkäufer. Die Folge davon war, daß weniger gewissenhafte Leute, die es sich leisten konnten, Vorräte „einhamstern“ konnten, während gewissenhafte und weniger bemittelte Menschen das Nachsehen hatten; und die Verkäufer erklärten: „Wir haben nichts!“

Zur Osterzeit 1915 richteten sich unsere Blicke auf Italien. Man glaubte immer, daß, wenn Italien an unsere Seite tritt, der Krieg bald beendet sein werde. Tag um Tag verging, bis Pfingsten herbeikam. An Pfingsten den 23. Mai, erklärte der Italiener den Österreichischen den Krieg. War das eine gräßliche Enttäuschung für uns Deutsche!  Wacker wurde geschimpft über die verräterische, treulose, heimtückische falsche Nation.
Gute Nachrichten liefen vom Osten ein, über die man sich recht freute. Hindenburg hat im Februar in der 9 tägigen Masurenschlacht einen furchtbaren Waffenangriff der Russen abgewehrt. Als am 5. August Warschau fiel, wurden die Glocken geläutet. Im Herbst wurde gegen Serbien gekämpft, das bald überwunden war. Auch mit Montenegro wurde man bald fertig. Die furchtbaren Angriffe im Westen (in der Champagne) von den vereinigten Franzosen und Engländer unternommen (Mai und Juni) wurden ebenfalls abgewiesen.

Ende des Jahres 1914 wurde auch hier eine Jugendwehr (Leute von 15 – 18 Jahre) gebildet. Die Führer waren Hauptlehrer Hanßum und Maurermeister Groß. Zu Anfang des Jahres 1915 machten beide einen Ausbildungskurs mit im Lager Münsingen. Mit den Jungmannen wurden 2 mal in der Woche militärische Übungen gemacht. Im Monat Juli 1915 hatte die Jugendwehr mit der von Altheim, Ballendorf – Börslingen eine Vorstellung vor Oberst Jäckle auf der Friedrichsau auf Ulm. Die Vorstellung verlief ganz befriedigend. Im Laufe des Jahres wurden die älteren zum Heer einberufen; die Zahl wurde geringer und auf einmal hörten die Übungen auf.

Vom 8. Januar 1915 bis zum 1. März 1919 wurden beide Schulklassen durch Hauptlehrer Hanßum versehen. Von Ende Oktober 1914 bis 7. Januar 1915 versah die Unterklasse Unterlehrer Duchèsne, der dann auch eingezogen wurde, rasch ins Feld kam und am 1. Juli 1915 gefallen ist.
Die Schule mußte über die ganze Kriegszeit Rücksicht nehmen auf die häuslichen und landwirtschaftlichen Verhältnisse. Die Schüler beteiligten sich an Sammlungen aller Art. Die Mädchen der Oberklasse und die  der Fortbildungsschule strickten unter Leitung von Fräulein Mayer allerlei Sachen als Liebesgaben für die Feldsoldaten.

Je länger der Krieg dauerte und je mehr Familienväter eingezogen wurden, umso wilder und ungezügelter wurde die Jugend. In vielen Fällen versahen die der Schule entlassenen Burschen die Arbeit der älteren Knechte, ja manchmal die des Bauern, des Vaters. Darauf bildeten sie sich was ein, sie fühlten ihre Würde; eine Zurechtweisung ließen sie sich nicht gefallen, und so wurden sie eben mit der Zeit   frech und anmaßend.

Eine große Freude und Wohltat wurde den Ortseinwohnern bereitet, als Mitte Juli (19.) zum erstenmal das elektrische Licht erstrahlte. Diese Wohltat empfand man da erst recht, als sich die Leute, die die elektrische Leitung noch nicht besaßen, sich darüber beklagten, kein Erdöl zu erhalten. Heute (1920) ist fast in jedem Haus elektrisches Licht zu sehen.

Im Monat Januar 1915 wurde für den ersten Gefallenen des Ortes, Jakob Hauff, ein Trauergottesdienst gehalten unter Anteilnahme der ganzen Gemeinde.
Am 1. April wurde anläßlich der Bismarck-Jahrhundertfeier im „Ochsen“ von Hauptlehrer Hanßum ein Vortrag über Bismarck gehalten.
Den Winter über wurden allwöchentlich Zusammenkünfte mit etlichen Bürgern veranstaltet, um die Ereignisse und Zeitbegebenheiten zu besprechen

Eine rechte Freude war es, wenn Frontsoldaten in Urlaub kommen durften. Nur zu rasch verstrichen die 14 Tage Urlaub. Die Soldaten gestanden gern ein, daß die Reise in die Heimat viel angenehmer sei als die Abreise zur Front. Das war sehr verständlich; denn es wußte ja keiner, ob er die Heimat wieder einmal sehen durfte, wenn es wieder in den „Schützengraben“ ging. An das Schützengrabenleben und das Leben in den metertiefen Unterständen hatten die Truppen bald satt.

Zwei weitere Söhne unseres Ortes, Matthäus Miller und Nikolaus Häge waren miteinander in Urlaub gekommen und miteinander wieder zur Front gefahren. Aber es stand nicht lange an, so kam die Nachricht, daß zuerst Miller und hernach Häge gefallen sei. Jetzt kehrte Herzeleid und Klage in den Familien ein. Im Geist treten wir an die fernen Grabhügel mit dem einfachen Holzkreuz und getrösten uns dessen, daß die Erde überall des Herrn ist.

Die Früchte des Feldes gediehen auch in diesem Jahr gut. Bei günstigem Wetter konnten sie eingebracht werden. Aber manche Frau und mancher Vater richtete die Frage an einen: wie lange wird der Krieg noch dauern? Wir siegen doch immer! Jedermann sehnte den Frieden herbei.

Unsere Schuljugend freute sich auch ob der vielen Fortschritte und der Tapferkeit und dem Mut unserer Soldaten. Der Lehrer erklärte ihnen die Kriegslage; die Schlachtorte suchte man auf der Wandkarte und im Atlas. Bei manchem Mädchen sah man eine Brosche mit dem „Eisernen Kreuz“ oder auch im Ringlein; ab und zu sah man eine, die schwarz-weiß-rote Zopfmasche tragen aus lauter Begeisterung. In der Schule pflegte man eifrig die Vaterlands- und Soldatenlieder, die die Schüler gerne sangen.

Auch in diesem Schuljahr mußte die Schule wieder geschlossen werden wegen der Diphtherie und zwar vom 24. September bis 23. Oktober.
Im Sommer 1915 brachten hiesige Leute, die in Ulm waren, allerlei Gerüchte von einem Soldaten auf der „Wilhelmsburg“ heim. Dieser hätte behauptet, wenn Warschau falle, dann der Friede in Bälde folgen müsse. Er wußte sogar den Tag anzugeben (11. November 1915). Dieser Kerl hat fast ganz Ulm mit Umgebung durch seine Behauptungen in Aufregung gebracht.

Von einer gewissen Fliegerangst wurde man hier auch befallen, weil in Karlsruhe (Juni) viele Menschenleben, namentlich Kinder, durch einen Fliegerüberfall getötet worden waren.

Für die Kriegsanleihe wurde bei Postagent Mayer gezeichnet:
Bei der 2. Anleihe: 42 400 M
Bei der 3. Anleihe: 58 100 M

Gefallen sind im Jahr 1915: Johann Jakob Hauff (29. Jan.), David Knehr (3. Mai), Matthäus Groß (25. Mai), Matthäus Wörz (12. Juni), Matthäus Miller (30. Juni), Nikolaus Häge (22. Juli), Christoph Helferich (7. Aug.), Jakob Henseler (5. Okt.)