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1. Kriegstage 1914

 

Die letzte Juliwoche 1914 und die ersten Kriegstage

Schon einige Jahre vor Ausbruch des Weltkriegs hieß es landauf landab bei Arbeitern und Bauern und anderen Berufsständen: So kann es nicht mehr weiter gehen; es muss einmal krachen! Jeder, der sein Ohr und seinen Blick etwas schärfen wollte, merkte, dass am politischen Horizonte genug Elektrizität vorhanden war. Der Mord am österreichischen Thronfolger in Sarajevo (Bosnien) am 29. Juni 1914 hat die Kriegsfackel zwischen Österreich und Serbien entzündet. Voller Sorge fragte man sich: Wird dieser Kriegsbrand sich wohl weiten, schließlich über ganz Europa ausdehnen? Bange Stunden und Tage durchlebte man in der letzten Juliwoche 1914.

Die Zeitungen vom 31. Juli berichteten von einer russischen Mobilisierung und von der Einberufung der Reservisten des Landheeres. Die Lage wurde immer ernster; es zitterte einem das Herz. Die Meldung eines Telegrammwechsels zwischen Kaiser Wilhelm und dem russischen Zaren nährte die Hoffnung auf Erhaltung des Friedens. Diese schwindet, als man hörte, dass Söhne unseres Ortes telegraphisch eingezogen wurden.

Am Samstag, den 01. August wurde bekannt gegeben, dass das Gebiet des deutschen Reiches in den Kriegszustand erklärt worden sei. Die Samstagszeitungen reden die Sprache des Krieges; allerlei Bekanntmachungen, die sich auf den Kriegszustand beziehen, werden vom königlichen Oberamt bekannt gegeben. Der Postverkehr mit Elsaß-Lothringen und anderen an der Westgrenze gelegenen Bezirken wird gesperrt. Die Unruhe, welche sich der Bevölkerung immer mehr bemächtigt, macht sich auch im geschäftlichen Leben bemerkbar. Nicht wenige tragen Sorge um ihr Guthaben bei den Banken und Sparkassen. Niemand wollte mehr eine Banknote einlösen. Gold und Silber hielt man zurück.

Gegen Abend des 1. August wurde bekannt gegeben: „Der Kaiser hat die Mobilmachung der Armee befohlen“! Horch! Man hört den Ton einer Trompete. Johannes Gebhardt schmettert hinein. Polizeidiener Mayländer ruft die Mobilmachung aus. Durch Anschlag am Rathaus wird die Mobilmachung der Einwohnerschaft schwarz auf weiß kundgetan. „Jetzt ist der Krieg da, der Weltkrieg!“ ruft man sich erschrocken zu. Ratlos standen die Leute in Gruppen herum. Verstört sah man einander an. „Was will das werden?“ fragt man sich. Krieg! Krieg! Schallte es. Grauen erfüllt die Seelen. Der erste Grimm richtet sich gegen das ränkevolle Rußland. Man weiß es steht hinter Serbien. Dass Frankreich zu Rußland halten wird, ist jedem klar. Die Gelegenheit zu der schon längst herbeigesehnten „Revanche“ wird es sich nicht entgehen lassen. Was tut Italien? Das geht sicher mit uns; es ist ja unser Verbündeter! Was tut England? Man vermutet dies und das.

Auf abends wird die ganze Gemeinde in den Saal der „Glocke“ eingeladen. Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Ansprachen wurden gehalten von Pfarrer Dornfeld, Postagent Mayer als Vorstand des Kriegervereins und von Hauptlehrer Hanßum. Plötzlich saust ein Auto heran. Es bringt Befehle von Ulm. Bürgermeister Thierer teilt sie mit. Die Fuhrwerks- und Pferdebesitzer werden aufgefordert, 12 Gespanne nach Ulm zu stellen und dort Fuhrdienste zu leisten zwecks Erstellung weiterer Verteidigungswerke der Festung. Eine harte Maßnahme vor der Ernte! Ein weiterer Befehl fordert eine Anzahl Leute als Armierungsarbeiter an.

Der 2. August ist erster Mobilmachungstag. Jetzt richtet sich schon mancher Mann zum herben Abschied von seinen Lieben. Beim Gottesdienst ist die Kirche dicht gefüllt. Pfarrer Dornfeld sprach ergreifende, aber doch tröstende Worte an die Krieger und deren Angehörigen.

Nachmittags machte man noch Besuche bei Bekannten und Verwandten und besprach die furchtbar ernste Lage. Man sprach von den feindlichen und den uns befreundeten Völkern. „Sind wir stark genug, um gegen Russen und Franzosen kämpfen zu können? Haben wir tüchtige Führer? Können unsere germanischen Vettern über dem Kanal ruhig zusehen, wenn Deutschland unterliegen sollte?“ Solche und ähnliche Fragen bewegten die Gemüter.
Verschiedene Pferdebesitzer mußten Pferde zur Aushebung nach Ulm bringen. Schweren Herzens trennte sich der Besitzer von seinem ihm liebgewordenen Tier.

Kaum war die Mobilmachung befohlen, so schwirrten auch die unsinnigsten Gerüchte durch die Luft. Ein ganzes Auto voller Spione sollte durch Weidenstetten fahren. Die besonnensten Männer sprangen von einem Ende des Ortes zum anderen. Die unglaublichsten Behauptungen wurden als wahr angenommen. Man hörte, in Freudenstadt hätte man die Wasserleitungsbehälter vergiften wollen; man habe aber den Übeltäter noch vorher daran hindern können. Eines Tages teilte Postagent Mayer mit, ihm wäre telephonisch die Nachricht zugegangen, daß von Frankreich mehrere Autos nach Rußland unterwegs seien mit Gold für die verbündeten Russen. An Radfahrer in Maurenkleidung soll dasselbe zur Weiterbeförderung übergeben worden sein. In Frankfurt a. M. soll ein Franzose mit 90 Millionen Mark in Gold festgenommen worden sein! Auf dies hin wurden nun die Radfahrer und Autos scharf ins Auge gefasst. Eine Ausweiskarte von der Ortspolizei mußte jeder Radfahrer und Autobesitzer haben.

Die Überwachung der Reisenden zu Fuß, zu Rad, zu Pferd oder zu Wagen war einer besonderen Wachmannschaft anvertraut worden. Zur Bewachung der Bahn bei Westerstetten mußten von hier 15 Mann abkommandiert werden. Die Kreuzstraße im Ort beim Schulhaus wurde scharf bewacht. Die Posten spannten eine Kette quer über die Straße. Im Bewußtsein ihrer Verantwortung lagen die Wachmannschaften ihres Dienstes getreulich ob. Die Waffen dieser Männer bestanden in Gewehren, aber auch Zimmerflinten waren zu sehen. Mancher Mann bekam da zum ersten mal ein Gewehr in die Hand. Daß dabei kein Unfall zu verzeichnen ist, ist nur der Vorsicht zu verdanken. Ab u. zu wurden die Posten vom Oberamt aus kontrolliert. Als nun die Wachposten so ungefähr 14 Tage den Dienst versehen hatten, über die ganze Zeit aber sich nichts Ungewöhnliches zugetragen hatte, so ließ eben der Eifer auch etwas nach. Nun wurde kontrolliert, u. zu diesem Zeitpunkt war gerade kein Posten zur Stelle. Schultheiß Thierer kam dabei etwas in Verlegenheit.

In den Vormittagsstunden des 5. August bringt ein Radfahrer ein Extarblatt von der „Gerstetter Zeitung“ des Inhalts: „England hat Deutschland den Krieg erklärt“. Ich und Maurermeister Groß standen gerade Posten. Ob dieser Nachricht sind wir beide bis in die tiefste Seele erschrocken. Ich faßte mich aber sofort wieder und sagte: „Nun müssen wir erst recht die Zähne zusammenbeißen; jetzt muß unser Mut zur Wut werden“.
Freudigen Widerhall fanden die Worte unseres Kaisers, mit denen er den Reichstag am 4. August eröffnete: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche“!

Am 7. August abends brachte Ochsenwirt Botzenhardt die Nachricht von Ulm mit, daß die belgische Festung Lüttich von den Deutschen im Sturm genommen worden sei. Große Freude bei den Zuhörern hierüber!

8. August. Die erste Mobilmachungswoche ist zu Ende, und noch steht unser Bundesgenosse Italien mit verschränkten Armen beiseite. Im Hinblick auf seine langen Küsten, die von England gut angegriffen werden können, können wir solches begreifen. Für die letzte Entscheidung wird er uns eine wertvolle Reserve werden. So ungefähr stand es in den Zeitungen, von Berlin aus so zurecht gemacht.

Mit dem ersten Mobilmachungstag trat auch der Württembergische Verein vom „Roten Kreuz“ auf dem Plan mit einem Aufruf: die Wunden, die der Krieg schlägt, zu heilen, u. den Familien, denen der Ernährer fehlt, zu helfen. Dieser Aufruf fand auch in der Gemeinde williges Gehör. Bis Ende August wurde in der Gemeinde gesammelt im Pfarrhaus, im Schulhaus und bei Postagent Mayer. Alles mögliche wurde abgeliefert: Federn, Bettstücke, Himbeeren, Saft, Gesälz, Überzüge, Taschentücher, Hemden, Geld, Geflügel usw.

Mit Kriegsausbruch wurde mit der Ernte begonnen. Seufzend ging manche Frau und Mutter an die Arbeit. Die Felder standen sehr schön. Das Wetter war auch recht günstig zum Einernten.
Gleich nach Kriegsausbruch wurden wöchentliche Kriegsbetstunden eingeführt, die immer ziemlich zahlreich besucht waren.

10. August: Jetzt treffen vom französischen Kriegsschauplatz auch Meldungen ein. Bei Mühlhausen im Elsaß wurden die Franzosen zurückgedrängt.
11. August: Bei Lagarde wurden die französischen Truppen unter schweren Verlusten zurückgeworfen. Die Deutschen erbeuteten 1 Fahne, 2 Batterien, 4 Maschinengewehre und machten 700 Gefangene.

Am 17. August wurde der jüngste Jahrgang des Landsturms zum aktiven Dienst aufgerufen. Am 22. August mußten deshalb einige Männer des Ortes einrücken. Am gleichen Tag wurde der nächste Jahrgang aufgerufen, der dann am 26. August einzurücken hatte. Unter diesen Leuten war auch ich. Vom 26. August ab war hier kein Lehrer mehr. Lehrer Stark ist schon in den ersten Mobilmachungstagen von hier abgegangen.